Wilkommen auf "Vergissmeinicht"! ^.^

Von den schöneren Stunden

Weil jeder Tag zählt.

Es regnet aus Eimern, und mein Fenster ist weit offen.

Um nichts in der Welt würde ich mir den klaren, frischen Geruch des Regens entgehen lassen, und das gleichmäßige Rauschen des Regens, wenn er auf die Felder rund um unser Haus und unseren Garten fällt. Tee habe ich mir bereits gekocht, der ganze Raum duftet nach Hagebutte und Orange. Ich lasse mich fallen in all die Ruhe um mich herum, und in meinen uralten, mit Schafsfell ausgepolsterten Kuschel-Sessel, der direkt vor meiner Fensterbank steht.

Ich bin sicher, diese Momente werden zu den Dingen gehören, die ich in meinem Aupair Jahr in den USA am meisten vermissen werde. Ruhig genug, um den Regen vor dem Fenster zu hören, wird es dort in einem der großen Vororte bestimmt nicht sein.

Manchmal muss ich mich selbst daran erinnern, dass ich noch nicht fertig bin mit meinem Leben hier in Deutschland, bei meiner Familie.  Alles geht so schnell, da kommt es einem manchmal vor, als ob jeden Moment ein Gong erklingt und alles einfach vorbei ist, ganz plötzlich.

Und viel Zeit bleibt ja wirklich nicht mehr, in knapp 10 Monaten hebt mein Flieger ab, der mich direkt nach New York bringen wird. Sicher, es klingt viel, aber nach diesen 10 Monaten wird sich absolut alles für mich ändern. Ich werde nie wieder mit meiner Familie in unserem kleinen, süßen Holzhaus wohnen, und meine Freunde werden genau wie ich in alle Teile der Welt fliegen, oder schon ihr Studium anfangen. Mein Leben, so wie es jetzt ist, wird bald zu Ende sein, endgültig. Da klingen 10 Monate auf einmal viel zu kurz…

Deshalb sitze ich hier, an meinem Fenster, mit meiner Teetasse in der Hand und dem Blick in unseren verregneten Garten. Weil ich jeden Moment genießen werde, von dem Leben, in dem ich noch als Tochter statt als Kindermädchen in einer Familie wohne. Denn jetzt, in dieser Sekunde, bin ich noch immer hier, und das werde ich auskosten, so gut ich kann. Weil jeder Tag zählt.

Eure Luna.



What I’ve done today:

1. Mit einer lieben Freundin gebruncht.

2.  Zu zweit unter dem Vordach gesessen, Tee getrunken und dem Regen zugeguckt.

3. Meine Hausaufgaben ignoriert.

4. Auf meinen Schuhen kreativ gewesen.

Habt einen schönen Sonntag! ♥

Eure Luna.


Ostseewind

Morgens, 9 Uhr. Ich fahre mit dem geliehenen Fahrrad eines Freundes die Strandpromenade eines kleinen Küstenortes an der Ostsee entlang, keine 15 Meter vom Wasser entfernt. Es ist ein relativ kühler Morgen – eine willkommene Abwechslung zu den konstanten 36°C der letzten Tage. Die ersten Cafés richten gerade ihre Sonnenschirme auf, noch sind nicht einmal 10 Menschen am Strand zu sehen.

Die Luft riecht frisch und salzig, eine starke Brise weht mir mein Haar von den Schultern und lässt es im Wind tanzen. Ich genieße das Gefühl von Leichtigkeit, dass der Wind mit sich bringt und fahre mit meinen Fingern durch mein zerzaustes Haar.

Ein kleines Stück weiter, etwas abseits von Promenade und Straßencafés,  entdecke ich plötzlich einen einsamen Steg, ganz aus weiß bestrichenen Holzplanken. An seinem Ende, gut 20 Meter hinter der Strandlinie, sitzt eine Silbermöwe auf einer kleinen metallenen Leiter, die von allen Seiten stürmisch von der Ostsee umspült wird und schon nach der 3. Stufe in den Wellen verschwindet. Als sie mich mein geliehenes Fahrrad auf die ersten Bretter des Steges schieben sieht, beäugt sie mich sehr kritisch, und springt nach einiger Überlegung von ihrem Sitzplatz ab und schwingt sich in die Luft, nur um ein paar Meter weiter in den Fluten zu landen und mich von dort aus weiter zu beobachten. Am Ende des Steges angekommen setze ich mich auf die nun frei gewordene Treppe und hohle ein paar Mal tief Luft, um die Seeluft in mich aufzunehmen. Hier draußen so nahe am Wasser, ist ihr salziger, reiner Geruch noch verstärkt; Es kommt mir vor als könne ich das Salz darin beinahe schon auf der Zunge schmecken. Ich blinzle, das ohnehin schon grelle Sonnenlicht wirkt durch die reflektierenden Wellen doppelt stark, doch nach ein paar Augenblicken beginnen sich meine Augen an das Helligkeit zu gewöhnen.

Der klare Blick aufs Meer, der Geruch der See in meiner Nase und das lebendige, aber dennoch gleichmäßig zuverlässige Geräusch der Wellen in meinen Ohren – das alles schien so natürlich und unverfälscht, dass es mir fast den Atem nahm. Es war, als ob all meine Gedanken und Sorgen zusammen mit dem Wind aufs Meer geblasen werden würden und sich dort  in den Fluten verlieren würden.

Das beständige Rauschen der Wellen ersetzte schnell das permanente Summen meiner Gedanken, die sich seit Wochen unaufhörlich im Kreis drehten… Schon bald konnte ich an nichts mehr denken, als an die Schönheit dieses Ortes und die Ruhe, die von ihm ausging und die ich seit langer Zeit endlich wieder empfand.

Ich saß noch über eine Stunde auf den Stufen des einsamen Steges, mit meinen Füßen im Wasser und den Gedanken an rein gar nichts außer den Anblick der See und das unaufhörliche Rauschen der Wellen.


Von Bienen, Mäusen und Eseln

In dem Moment, als ich über die niedrige, alte Holzpforte hinweg stieg, merkte ich sofort, dass ich hier eine völlig andere Welt betrat. „Vorsicht, geht nicht zu nah an den Bienenstock!“. Die beiden Eheleute, die uns mit diesen bestimmten Worten aber dennoch mit freundlichen Lächeln begrüßten, waren Jugendfreunde meiner Mutter und hatten uns zu einer Kaffee und Kuchen eingeladen, weswegen ich das Glück hatte, zusammen mit meinen Eltern ihr Gartenreich zu besichtigen. Das „Reich“ entpuppte sich als ein wildwucherndes, überquellendes Gartenlabyrinth voller Wildblumen, Obstbäume und allen Arten von Sträuchern und Büschen, und hier und da rostigen Zäunen, an denen sich Wildrosen entlangrankten. Wären im nächsten Moment ein paar Feen um meinen Kopf geflattert, ich wäre nicht verwundert gewesen.


Nach einer kleinen Biegung kamen wir in ein kleines Tal, voll mit weiß blühenden Holunderbüschen, dessen Anblick mich wie angewurzelt stehen bleiben ließ (weswegen meine Mutter frontal in mich hineinlief und mich verwirrt beäugte). Wir gingen weiter, durch das Holunderthal hindurch und über einen kleinen Hügel, kamen an einer Weide mitsamt Stall und gut 20 fröhlich blökenden Schafen vorbei, und betraten schließlich eine kleine kreisrunde Lichtung, in deren Mitte eine verwitterte Bierzeltgarnitur stand. Den Rand der Lichtung bildete ein Gürtel aus tausenden wildblühenden Sträuchern und Rosenbüschen in zarten Gelb-, Rosa- und Weißtönen, die auf der gesamten Lichtung einen leicht süßlichen Duft verbreiteten. Über die Lichtung ragte eine mächtige, ehrfurchtgebietende Linde. Sie stand in voller Blüte, sodass man die leuchtend grünen Blätter unter den Millionen von winzigen cremeweißen Blüten kaum noch erkannte. Während ich mit offenem Mund vor mich hin starrte und Mühe hatte all diese Eindrücke in mich aufzunehmen, begann mich ein beständiges, unterschwelliges Summen zu verwirren und ich begriff plötzlich, warum sich der Bienenstamm neben dem Hauseingang dort so wohlfühlte. Die Luft über mir vibrierte förmlich durch tausende und abertausende von kleinen Bienenflügeln! Die Linde erweckte den Anschein, als würde sie jeden Moment abheben, so dicht bevölkert war jede einzelne Lindenblüte. Seltsam, dass ich, statt meiner üblichen Panik vor allem Stachelbestückten, durch das lebendig eifrige Summen allmählich völlig ruhig wurde und mich einfach unbeschreiblich wohl fühlte. 
„Hey, da ist ja unser kleiner Untermieter!“ rief Mamas Freundin uns von ein paar Metern Entfernung zu, leicht gebeugt über einer stämmigen „Engelwurz“. Und tatsächlich, unter einem großen Engelwurzblatt knabberte eine haselnussbraune Feldmaus zufrieden an ein paar Blütenknospen (das Publikum schien sie nicht zu stören). „Oooh, ist die süüß! ♥“, rief ich bevor ich mich bremsen konnte, was der Maus dann doch ein bisschen zu viel wurde. Nachdem wir der Feldmaus beim davon-flitzen zugesehen hatten, wurden wir von Mamas Freundin durch ein rostiges Gatter auf ein Koppel geführt, auf der die zwei liebsten Esel der Welt, Nelly und Jette, zufrieden an ein paar Grashalmen rupften. Ein wenig beleidigt wirkten die beiden jedoch, als mein Vater ein wenig überschwänglich versuchte, Nelly spielerisch in den Schwitzkasten zu nehmen und die beiden Eselinnen wild davongallopierend das Weite suchten.
Die Koppel lag ein wenig erhöht, sodass wir einen guten Blick auf die weiten, reifen Weizenfelder hatten, über die sich gerade die Abendsonne senkte. Das Abendlicht tauchte alles in die wärmsten Goldtöne, die Windmühlen warfen lange schmale Schatten und wirkten majestätisch am Horizont. Es war der schönste Anblick, den man sich nur vorstellen konnte…
Ich fuhr nach Hause mit tausenden Eindrücken von neuen Anblicken, Gerüchen, Geräuschen. Und einem neuen Wunschtraum: Später würde ich auch einmal so einen Garten haben. Ganz sicher… ♥

Eure Luna.

(Foto via)


Life’s like this.

Nasse Straßen, bedeckter Himmel. Ich komme gerade vom Edeka zurück, beladen mit Cappuccino-Schokolade, einer Flasche Asti und – man höre und staune – der neusten Cosmopolitan, der ersten meines Lebens. Einer dieser Einkäufe eben, bei denen es nicht um stumpfe Erledigungen geht, sondern bei denen man sich künstliche Glückshormone kauft, „Nervennahrung“. Und die hatte ich bitternötig.
Ich fahre die nasse Straße entlang, vor ein paar Minuten hatte es noch wie aus Eimern geschüttet. Ich starre vor mich hin, die Schokolade schon halb aufgegessen auf meinem Schoß. Hm, so lecker ist die auch nich. Ich fahre in den Waldabschnitt, der zu meinem Heimatdorf führt; alles ist grün und passt irgendwie überhaupt nicht zu meiner Laune… Aha, live’s like this. Plötzlich strömen die ersten Akkorde von Complicated aus meinem Uraltradio. Und auf einmal, als ob es schon immer so gewesen wäre, verändert sich etwas um mich herum. Nicht als ob sich das Bild ändert – die Perspektive ist eine andere. Alles wirkt heller, mutiger… weniger krampfend. Öffnend. Ohne zu denken, ist meine Hand am Regler und Avril singt aus vollem Hals. Chill out. What you’re yellin for? Die Sonne bricht durch die abziehenden Regenwolken, plötzlich leuchten die frischen Blätter in einem unglaublich strahlenden hellgrün, so schön dass ich gar nicht weggucken möchte. And if you could only let it be. You will see: Plötzlich ist mir das Auto zu klein. Die Scheibe ist im Weg. Life’s like this. Eine Sekunde nach diesem Gedanken dreht meine linke Hand bereits an der Handkurbel und frische Luft strömt in Fluten in meinen 94er Polo. Kühle, belebende Regenluft mit dem Geruch von nassem Waldboden. Ich atme tief ein. Wieder und wieder, mit jedem Atemzug leichter werdend. Erleichterung, wie ein Wolkenbruch alles von mir waschend. Zusammen mit den Tränen, die nun auf mein Lenkrad fallen. Glückliche Tränen. Verwundert lache ich auf, und kann gar nicht mehr aufhören mit meinen Lachschluchzern, so gut fühlt sich dieses Aufatmen an. Als ob die frische Regenluft und Avril Lavigne einfach alles aus dem Auto, aus mir herausgewaschen hätten. Den Streit mit meiner Mutter. Die Beleidigungen meines Vaters. Das Gefühl, mein Hals wäre von ihren starren Blicken wie zugeschnürt. Alles ist weg. Weggespült von Licht, duftendem Wind und wahren Worten.

Den Ellbogen aus dem Fenster lehnend, fahre ich durch die Fluten von leuchtendem Grün in Richtung unseres süßen Holzhauses, lachend und weinend zugleich. Und glücklich. Und das alles durch Avril’s Complicated und den Geruch von frischer , freispülender Regenluft.

Eure Luna.

( Foto via)


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